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Systemische
Therapie in Deutschland
- Rückblick und Bestandaufnahme -
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Dr. Kurt Ludewig
Dieser
Aufsatz geht auf die Entstehung und den aktuellen Stand der systemischen
Therapie in Deutschland ein. Dabei berichte ich als "teilnehmender
Beobachter" und Zeitzeuge, der aus dem Ausland gekommen ist und seit fast
drei Jahrzehnten in der Psychotherapie-Szene dieses Landes mitmischt und vom
Anfang an in der systemischen Bewegung dabei war.
Familientherapie
in Deutschland - ein Rückblick
Um
einen Anfang zu finden, bietet sich an, einen Blick auf die Vergangenheit zu
werfen. Auf diesem Wege knüpfe ich unmittelbar an die Gründerjahre der
Familientherapie an und verwende einige markante Bücher der jeweiligen
Epochen als Meilensteine. International gesehen, lässt sich der Beginn der
familientherapeutischen Bewegung auf die 50er Jahre zurückverfolgen, und zwar
im angelsächsischen Raum. Noch ältere Wurzeln findet man jedoch in Wien der
20er Jahre, in der Arbeit Alfred Adlers.
In unserer Zeitrechnung können wir feststellen,
dass die Familientherapie in den USA nach Überwindung anfänglicher
Hindernisse, rasch an Bedeutung gewann. Ihre schnell wachsende Popularität in
der Bevölkerung dürfte, zumindest teilweise, als Reaktion auf den drohenden
Zerfall traditioneller Familienstrukturen zurückzuführen sein. Denn dies gab
im puritanischen Nordamerika der Nachkriegszeit Anlass zur größten Sorge.
In
Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum wurden erste Ansätze zu einer
Familientherapie in den 60er Jahren erkennbar. Sie gingen aus der
psychoanalytischen Denktradition hervor und waren um die Einbeziehung sozialer
und mehrgenerationaler Aspekte bemüht. An deren Entstehung waren vor allem die
Arbeitsgruppen um Horst Eberhard Richter in Gießen und um das Ehepaar Sperling
in Göttingen beteiligt. Die Bücher dieser Zeit ging auf Richter zurück und
erschienen 1963 und 1970 mit den Titeln "Eltern, Kind, Neurose" und "Patient
Familie".
Die 70er Jahre. Dennoch kann man erst in den 70er Jahren von einer
nennenswerten Hinwendung der Praktiker zur Familientherapie sprechen. Ludwig
Reiter zufolge ist es dem Engagement von Richter zu verdanken, dass die
Internationale Arbeitsgemeinschaft für Familienforschung und Familientherapie
(AGF) ins Leben gerufen wurde. Es galt, den verstreuten Arbeitsgruppen
Möglichkeiten zu verschaffen, miteinander zu kooperieren und so zur
Weiterentwicklung und Verbreitung familientherapeutischen Denkens beitragen zu
können. Ein konkretes Ergebnis dieser Zusammenarbeit stellt der 1976
erschienene, erste deutschsprachige Sammelband zur Familientherapie mit dem
Titel "Familie und seelische Krankheit" dar. Er wurde offiziell von
der AG für Familienforschung und Familientherapie herausgegeben, eigentlich
aber von Richter, Strotzka und Willi in echter deutschsprachiger
Kooperation der Länder Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Mitte
der siebziger Jahre gesellte sich Helm Stierlin dazu. Nach Gründung seiner
Arbeitsgruppe an der Heidelberger Universität trug er wesentlich dazu bei,
eine deutsche Familientherapie zu etablieren, die internationalen Standards
genügte (vgl. Stierlin 1975). Nebenher kam es in den 70er Jahren an
verschiedenen Orten zur Gründung von Arbeitsgruppen mit Praxis- und
Weiterbildungsinteressen. Einige davon übertrugen angelsächsische Konzepte
auf deutsche Verhältnisse, z.B. das Institut für Familientherapie in
Weinheim unter der Leitung von Maria Bosch, andere übertrugen ihre
Therapieansätze, z.B. verhaltens- und gestalttherapeutische, auf die Arbeit
mit Familien. Einen repräsentativen Querschnitt dieser Ansätze findet man im
dem 1983 von Kristine Schneider herausgegebenen Sammelband
"Familientherapie in der Sicht psychotherapeutischer Schulen".
Gewöhnlich
wird die Gründung von Fachzeitschriften als Indikator dafür genommen, dass
eine neue Denkbewegung angefangen hat, sich zu konsolidieren. Im
deutschsprachigen Raum findet dies 1976 statt. In diesem Jahr wurde die erste
deutschsprachige familientherapeutische Zeitschrift
"Familiendynamik" als deutsch-schweizerische Koproduktion
gegründet. Eine weitere Quelle wichtiger Impulse waren die von Josef Duss-von
Werdt und Rosmarie Welter-Enderlin organisierten, legendären Zürcher
Kongresse unter Beteiligung der internationalen Pioniere. Schließlich
wurde auch in der 70er Jahren, nämlich im Jahr 1978, die Deutsche
Arbeitsgemeinschaft für Familientherapie (DAF) als Dachorganisation für
Familientherapeuten in Giessen gegründet. Kurzum, die 70er Jahre kann man als
die Gründerjahre der Familientherapie in Deutschland betrachten.
In
theoretischer Sicht gipfelt diese Periode im Jahr 1981 in dem viel beachteten
Aufsatz von Gottlieb Guntern: "Die kopernikanische Revolution in der
Psychotherapie". Die Familientherapie hat ihren metatheoretischen
Überbau gefunden; sie lehnt sich an die biologischen und mathematischen
Systemtheorien der Zeit sowie an holistische Auffassungen der Kybernetik 1.
Ordnung und des Strukturalismus an.
In
praxisbezogener Sicht wird ein Höhepunkt erreicht durch die Veröffentlichung
eines folgenreichen Werkes: "Paradoxon und Gegen-Paradoxon". Eine
Mailänder Gruppe um die ex-Psychoanalytikerin Mara Selvini Palazzoli hat
Ideen der Familientherapeuten Haley, Watzlawick und Minuchin mit Grundlagen
aus der Anthropologie Gregory Batesons ergänzt und dabei eine neuartige
Praxis erarbeitet und begründet, die geradezu revolutionär anmutet. Der
Mailänder Ansatz verspricht es, Psychosen in zehn Sitzungen zu beheben,
wenn man die Methode nur richtig versteht und anwendet. Einige von uns hat
diese Verheißung derart angeregt, dass wir fast auf der Stelle
begannen, unsere Arbeit mit Blick auf Mailand neu auszurichten: die sog.
"systemische Familientherapie" war entstanden. Nebenher weckt dieser
Ansatz das Interesse an neueren Erkenntnis- und Systemtheorien. In dem
Ausmaß, in dem sich dies verbreitet, nimmt die Orientierung an älteren
Modellen wie psychoanalytischen, "wachstumsorientierten" und
strukturalistischen Ansätzen ab. Ein entscheidender Schritt in Richtung
auf die neuartige systemische Therapie war vollzogen.
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Die
80er Jahre <die "goldenen Jahre">. Die erste Hälfte der
80er Jahre war gekennzeichnet durch eine rapide Verbreitung der
Familientherapie, einschließlich der neueren mailändischen systemischen
Familientherapie, zugleich aber auch durch eine zunehmende Neuorientierung der
Theorie. Weitere Weiterbildungsinstitute wurden gegründet, darunter 1983 das
Berliner Institut für Familientherapie und 1984 die Institute in Heidelberg
und Hamburg. 1983 kam eine zweite Fachzeitschrift hinzu, die von Jürgen
Hargens herausgegebene "Zeitschrift für systemische Therapie". Auch
die "Familiendynamik" trug dem nun systemisch wehenden Zeitgeist
Rechnung. Ab 1983 hieß sie im Untertitel nicht mehr "Interdisziplinäre
Zeitschrift für Praxis und Forschung", sondern "Interdisziplinäre
Zeitschrift für systemorientierte Praxis und Forschung". Unter den
Praktikern fand ein zunehmender Ansturm auf Kongresse und Workshops statt, und
sei es nur, um die zumeist nordamerikanischen Meister einmal persönlich erlebt
zu haben.
Der
Übergang zur systemischen Therapie
Die
Initialzündung zum Übergang von der Familientherapie zu einer eigentlichen
systemischen Therapie gab meines Erachtens Paul Dell. Mit seinem Vortrag beim
Zürcher Kongress 1981 demontierte er Satz für Satz die Grundprämissen, auf
denen die Familientherapie bis dahin gebaut hatte. Dabei berief er sich auf
einen Neurobiologen, von dem bisher noch keiner gehört hatte: Humberto
Maturana. Paul Dell löste mit seinem Vortrag eine Diskussion aus, die der
Familientherapie endgültig ihre konzeptionelle Unschuld nahm und in der Folge
zur Entstehung eines neuen Ansatzes führen sollte, des nun eigentlichen
"systemischen Ansatzes". Man lehnte sich in der Theorie an das
Autopoiese-Konzepts Maturanas, an die Kybernetik 2. Ordnung von Foersters und
an den Radikalen Konstruktivismus von Glasersfelds an, in der Praxis
lernte man vor allem von Harry Goolishian und Steve de Shazer.
Die
erste Hälfte der 80er Jahre, die Jahre 1981-1986, sollten für mich zu den
aufregendsten meines beruflichen Lebens werden. Man wanderte von Tagung zu
Tagung, von Workshop zu Workshop und konnte immer sicher sein, etwas Neues zu
entdecken, etwas wirklich Neues zu lernen. Die "Verstörungen"
hörten nicht auf. Man rang mit dem anspruchsvollen Projekt, eine
eigenständige systemische Theorie für die klinische Praxis zu entwerfen.
Gefragt waren zu dieser Zeit theoretische und metatheoretische Konzepte; die
Fragen der Methodik und der empirischen Forschung gerieten hingegen vorerst
ins Hintertreffen. Man wartete sehnsüchtig auf die neuen Hefte von Family
Process, Familiendynamik und der Zeitschrift für systemische Therapie und war
bereit, sich mit ungewohnt komplexen Texten auseinanderzusetzen; man behalf
sich mit philosophischen und anderen Wörterbüchern. Einen Höhepunkt dieser
Phase markiert das 1988 erschienene Buch von Fritz Simon: "Unterschiede,
die Unterschiede machen".
In der zweiten Hälfte der 80er Jahre verlangsamte sich zunächst die
sprunghafte Entwicklung der Jahre zuvor. Erste klare Konzepte lagen vor. Die
Probleme, die bei der Umsetzung erkenntnis- und systemwissenschaftlicher
Ideen in die klinische Theorie aufgetreten waren, schienen vorerst gelöst.
Man machte sich an die Details heran, und die vernachlässigte empirische
Forschung gewann wieder an Terrain.
Gelöst
erschien u.a. das Problem, wie Therapie dennoch effektiv sein könnte, obwohl
man auf lineale Kausalität verzichtet und nun mit als operational geschlossen
verstandenen Menschen arbeitet. Die Lösung hieß, Psychotherapie nicht mehr
als kausale, problembezogene Intervention zu verstehen, sondern als
Durchführung eines für die Veränderung autonomer Individuen günstigen
Dialogs. Dazu kamen die kooperative Lösungsorientiertheit und die
unspezifischen Interventionen nach Steve de Shazer, das Transparenz
gewährleistende Reflektierende Team des Norwegers Tom Andersen und das
Externalisierungs-Konzept des Australiers Michael White. Alles in allem war
eine neuartige Psychotherapie, eine systemische Therapie der 2. Ordnung
entstanden, die es erlaubte, mit einzelnen Klienten und mit variabel
zusammengesetzten sozialen Systemen gleichsam effektiv zu arbeiten. Diesen
Wandel erfasst der 1988 von Ludwig Reiter, Stella Reiter-Theil und Ewald
Brunner herausgegebene Band "Von der Familientherapie zur systemischen
Perspektive".
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In
konzeptioneller Sicht konnte jene zentrale Frage der Psychotherapie
überzeugend gelöst werden, die lautet, wie die Lebensprobleme, die zum
Aufsuchen eines Therapeuten führen, aufzufassen seien. An die Stelle von
strukturalistischen Konzepten wie "dysfunktionales Muster" oder
"pathologische Kommunikation" trat 1984-86 das
kommunikationsbezogene Konzept des problemdeterminierten Systems nach Harry
Goolishian, etwas später meine eigene Version des Problemsystems. Mit Hilfe
dieser Konzepte war man endlich in der Lage, auf Anleihen bei der Medizin, wie
sie in der gängigen Psychopathologie zu finden sind, zu verzichten. Man
konnte den Gegenstand psychotherapeutischer Theorie phänomengerecht als
Prozesse der Kommunikation auffassen. Die Psychotherapie war erstmalig in der
Lage, sich von den etablierten Grundlagenwissenschaften zu emanzipieren und
eine eigenständige Bestimmung ihres Gegenstands und ihrer Methode zu
erbringen. Die Zeit der fast devoten Anlehnung an die somatische Medizin und
an die Naturwissenschaften neigte sich ihrem Ende zu; die Zeit der Anbindung
von Psychotherapie an die Wissenschaften von Sinn und Kommunikation, also vom
sozialen Phänomen, schien aufzubrechen.
In der Theoriebildung gewann die
Auseinandersetzung mit Phänomenen wie Sinn, Sprache, Dialog, Bedeutung und
somit auch mit Prozessen der "sozialen Konstruktion von Wirklichkeit"
zunehmend an Gewicht. In Deutschland wandte man sich Sozialwissenschaftlern
zu, ganz besonders dem leider vor wenigen Tagen verstorbenen Niklas Luhmann.
Sein 1984 erschienenes zentrales Werk "Soziale Systeme" bot ein neuartiges
Verständnis der Systemtheorie und bezog es auf soziale Phänomene. Damit lagen
die theoretischen Bausteine bereit, die es erlaubten, organische, psychische
und soziale Systeme deutlich zu unterscheiden und doch sinnvoll miteinander zu
verbinden. Zentrale Elemente dieser Theorie waren das Verständnis des sozialen
Systems als temporales Geschehen, d.h. ohne räumlichen Bestand. Nebenher wurde
ein neuartiger Kommunikationsbegriff eingeführt, der erstmalig zwischen
Mitteilung und Kommunikation unterschied und den Vollzug von Kommunikation auf
den Adressaten bezog. Sinn wurde an die Basis psychischer und sozialer
Prozesse gestellt, so dass soziale Phänomene ohne Rückgriff auf physikalische
und biologische Mechanismen erklärbar wurden. Eine Darstellung der
Entwicklungen und Ergebnisse dieser Phase findet sich in meinem 1992
erschienenen Buch "Systemische Therapie. Grundlagen klinischer Theorie und
Praxis".
Die
90er Jahre. Knapp zeitlich versetzt zu den zuletzt genannten
konzeptionellen Entwicklungen kam es in der empirischen Forschung zu einer
Einbeziehung neuerer mathematischer Modelle etwa aus der Chaostheorie, der
Synergetik und der Theorie nicht-linearer dynamischer Systeme. Mit Hilfe
dieser Modelle lässt sich regelrecht prozessbezogen forschen, und man kann
auf Abstand von nomothetischen und objektivistischen Prämissen gehen. Einen
lebendigen Markt für diesen Ideenaustausch eröffneten die von Günter
Schiepek, Wolfgang Tschacher und Ewald Brunner in Zusammenarbeit mit
Hermann Haken, dem Begründer der Synergetik, durchgeführten Herbstakademien
zur Selbstorganisation in Psychologie und Psychiatrie (vgl. Tschacher et al.
1992).
Um
die Wende von den 80er zu den 90er Jahren lässt sich von der allmählichen
Entstehung einer genuinen Theorie und Forschung der systemischen Therapie
sprechen, gewissermaßen von einer Allgemeinen Psychotherapie systemischer
Prägung. Einen geeigneten Ausgangspunkt hierfür bietet das 1991 erschienene
Buch von Günter Schiepek "Systemtheorie der Klinischen
Psychologie".
In
dieser Zeit erscheinen weitere Zeitschriften, die diesen Trend verstärken
-System Familie, Systeme, Systhema und der "neue" Kontext -. Das
wissenschaftliche Programm der systemischen Therapie reiht sich in den
theoretischen Diskurs der sog. Postmoderne ein. Der Optimismus der Moderne,
"die" Wahrheit durch umfassende Entwürfe mit universellem Anspruch
abbilden zu können, weicht einer Vielfalt koexistierender Konzepte und
Praxen. Diesem Trend trug die im 1991 in Heidelberg veranstaltete Tagung
"Das Ende der großen Entwürfe und das Blühen systemischer Praxis"
Rechnung; mit ca. 2000 TeilnehmerInnen erwies sich als die bisher
erfolgreichste seiner Art im deutschsprachigen Raum (vgl. Fischer et al.
1992).
Bedauerlich
blieb es jedoch, dass während in den 90er Jahren die Praxis florierte und der
Zustrom von Praktikern auf eine systemische Weiterbildungen enorm wuchs, die
ohnehin geringe Präsenz systemischer Denker und Forscher an den deutschen
Universitäten noch prekärer wurde.
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Systemische
Therapie heute
Um
in aller gebotener Kürze den aktuellen Stand der systemischen Therapie in
Deutschland zu skizzieren, gehe ich kurz auf den metatheoretischen Rahmen, den
Forschungsstand, auf erste Binnendifferenzierungen, die Ausbildung und die
berufsständischen Organisationen ein.
Theoretischer Rahmen. Trotz der vielen Wandlungen systemischer
Ansätze in den letzten Dekaden dürfte zur Zeit Einigung darüber herrschen,
dass die heutige Systemische Therapie als praktische Umsetzung eines
spezifischen Denkens über Menschen, des sog. systemischen Denkens, zu
verstehen ist. Was heißt aber hier systemisch Denken? Die im folgenden
vertretene Position ist zwar meine persönliche, sie stimmt aber im
wesentlichen mit jener überein, die sich die Systemische Gesellschaft als
konzeptionelle Plattform gegeben hat.
Systemisches
Denken verstehe ich als eine allgemeine Denkmethode, die Grundfragen
menschlicher und natürlicher Existenz zum Gegenstand macht. Im Hinblick auf
das Problem des Erkennens stellt diese Denkweise den Beobachter bzw. das
Beobachten an den Anfang jeder Weltbeschreibung. Alle Aussagen über die Welt
verweisen auf denjenigen, der sie geäußert hat, zurück. Mit den Worten
Maturanas: "Alles Gesagte wird von einem Beobachter zu einem anderen
gesagt". Das Konzept einer Welt-an-sich sowie das damit verbundene
Gebot der Objektivität werden hinfällig. An deren Stelle tritt die
Verantwortung des Beobachters und die Brauchbarkeit von Kommunikationen.
Systemisches
Denken betrachtet den Menschen als soziales Wesen, so auch menschliche
Kognition als sprachlich gebundenes Phänomen. Beobachten bringt
Beschreibungen, also Sprache hervor. Dabei setzt ein sprachliches Wesen
sinnvoller weise die Existenz eines anderen Gleichen voraus, mit dem er
konsensuell koexistiert. Und diese Grunddyade bringt infolge ihrer
Erweiterung eine Gemeinschaft, eine Kultur hervor, in der die
überdauernden Bedingungen für erfolgreiches Konsensualisieren -
Sprache, Normen, Sitten usw. - gepflegt und tradiert werden.
Um
Mensch sein zu können, bedürfen wir anderer Menschen. Mit den Worten Heinz
von Foersters: "cogitamus ergo sumus", oder auf das Individuum
umgewendet: "cogitamus ergo sum". So gesehen, kann ich nur ICH sein,
mich als Einheit unterscheiden, wenn ICH mich von einem anderen ICH, einem DU,
dem ich Gleichartigkeit zuschreibe, unterscheide. ICH und DU konstituieren
sich gegenseitig in der sozialen Begegnung und sind somit existentiell
aufeinander angewiesen. ICH und DU sind ohneeinander nicht denkbar, sie sind
nur im WIR existenzfähig. WIR stellt als Einheit der Differenz von ICH und DU
die Bedingung der Möglichkeit für menschliche Existenz dar. Und da WIR die
Urform eines sozialen Systems ist, lässt sich ableiten, dass Menschen erst
mindestens zu zweit vorkommen, als Mitglieder eines sozialen Systems.
"Systemisch"
meint somit eine Denkhaltung, die den Anfang des Menschlichen im Sozialen
sieht, in der menschlichen Interaktion bzw. im menschlichen Miteinander. Dabei
ignoriert diese Sichtweise nicht, dass soziale Phänomene die Existenz
physikalischer, biologischer und psychischer Phänomene voraussetzen, sie
ordnet aber diese Phänomene jeweils eigenen Phänomenebereichen zu und
vermeidet so Reduktionismen.
Im Hinblick auf Therapie muss eine systemisch konzipierte klinische
Theorie sowohl Antworten auf Fragen nach dem Individuum geben (Selbst,
Motivation, Emotion, Kognition, Bewusstsein usw.) als auch auf Fragen nach dem
sozialen System (Sprache, Interaktion, Kommunikation usw.). Um diese beiden
Systemtypen, psychische und soziale Systeme, aufeinander zu beziehen, bietet
sich das Luhmann´sche Verständnis von Sinn an. Sinnfindung bzw.
Sinnerzeugung stellen nämlich die Operation dar, die einerseits dem
psychischen System subjektive Kontinuität und innerpsychischen Anschluss
ermöglicht und andererseits dem sozialen System Abgrenzung und kommunikative
Anschlussfähigkeit gewährleistet. Insofern eignet sich dieses Konzept, um
die Arbeitsweise psychischer und sozialer Systeme sowohl getrennt als in ihrer
strukturellen Koppelung zueinander zu modellieren.
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Zum
Forschungsstand. Eine Würdigung des wissenschaftlichen Status der
systemischen Therapie in Deutschland kommt nicht umhin, das 1994 erschienene
Monumentalwerk von Klaus Grawe zu beachten. Dies erscheint vor allem wichtig
im Zusammenhang mit der gesetzlichen Regelung der Psychotherapie in
Deutschland. Klaus Grawe, im deutschsprachigen Raum ein Verhaltenstherapeut
der ersten Stunde, trennt auf der Basis seiner Metaanalysen Spreu von Weizen
und spricht einzelnen Ansätzen der Therapieszene Wissenschaftlichkeit und
Ernsthaftigkeit zu, während er anderen, eigentlich den meisten, jede
Existenzberechtigung abspricht und sie in die Domäne der Gurus und
Glaubensgemeinschaften verbannt. Grawes Mahnung ist unüberhörbar: Die
Psychotherapie solle endlich von der Konfession zur Profession, und von der
Enge einzelner psychotherapeutischer Glaubensgemeinschaften bzw. Schulen zu
der Offenheit einer empirisch begründeten Allgemeinen Psychotherapie
übergehen.
Bezüglich
der systemischen Therapie beschränkt sich Grawes Analyse allerdings auf
ältere Untersuchungen von interpersonell ausgerichteten Ansätzen aus dem
Bereich der Paar- und Familientherapien. Dennoch bescheinigt Grawe diesen
Ansätzen großzügig den Status von "Schwellenverfahren", deren
Wirksamkeit jedoch noch präziser zu belegen sei. Diese veralterte
Einschätzung bedarf jedoch einer gründlichen Revision. Hierzu hat die
Arbeitsgemeinschaft für systemische Therapie, eine gemeinsame
berufspolitische Einrichtung der drei Verbände der deutschen Familien- und
systemischen Therapeutinnen und Therapeuten, Günter Schiepek beauftragt,
Materialien zur Wissenschaftlichkeit und empirischen Wirksamkeit der
systemischen Therapie zusammenzutragen.
Eine
dabei mit enormem Aufwand erarbeitete Stellungnahme liegt bereits vor und wird
noch in diesem Jahr beim neu konstituierten Wissenschaftlichen Beirat zur
Prüfung der Wissenschaftlichkeit eingereicht. In einem nächsten Schritt wird
diese Stellungnahme erneut dem Ausschuss der Ärzte und Krankenkassen
vorgelegt, der dann über die kassenärztliche Anerkennung dieses Ansatzes zu
befinden haben wird. Ohne hier auf Details einzugehen, möchte ich festhalten,
dass dieses Werk unter Einbeziehung einer großen Zahl empirisch
kontrollierter Studien die Wissenschaftlichkeit und Wirksamkeit der
systemischen Therapie nach gängigen Kriterien eindeutig nachweist. Die
Veröffentlichung dieser Studie ist für das nächste Jahr im Verlag
Vandenhoeck und Ruprecht geplant.
Eine systemische Therapieforschung muss notwendigerweise auf dem Grat
balancieren zwischen einem nomothetisch und objektivistisch ausgerichteten
Ansatz, der den politisch wichtigen Anschluss an den mainstream
gewährleistet, und den Besonderheiten systemischen Denkens. Dabei besteht die
Gefahr eines opportunistisch motivierten Umkippens auf die Seite des
mainstreams. Die Folge könnte bedeuten, dass die systemische Therapie auf das
Maß eines bloß wirksamen Standard-Verfahrens gestützt würde. Ob einem
solch opportunistischen Rückfall auf Dauer vorgebeugt werden kann, ist heute
noch nicht schlüssig zu beantworten. Dies wird nicht zuletzt davon abhängen,
ob es gelingt, eine genuine systemische Therapieforschung mit eigener
Methodologie und Zielsetzung zu etablieren. Die zur Zeit verfügbaren
Strategien sind dafür noch zu jung und wenig erprobt, andere noch nicht in
Sicht. Vielleicht bieten neuere prozessanalytische Verfahren aus der Theorie
nicht-linearer, dynamischer und komplexer Systeme, wie sie im Umkreis von
Günter Schiepek verwendet werden, einen geeigneten Zugang. Diese neuen
Methoden scheinen in der Lage zu sein, kognitive und kommunikative Prozesse so
zu modellieren, dass die Komplexität der in der Therapie ablaufenden Prozesse
erfassbar wird. Leider ist der wissenschaftstechnische Aufwand, der für eine
solche Forschung notwendig ist, bis auf weiteres nur wenigen Experten
vorbehalten (vgl. z.B. Schiepek u. Strunk 1994).
Binnendifferenzierung.
Die konzeptionelle Entwicklung der systemischen Therapie der Gründerjahre
wurde von einzelnen Arbeitsgruppen und Instituten in weitgehender
Unabhängigkeit voneinander getragen. So entstanden verschiedene, zum Teil
recht unterschiedliche Ansätze. Dies ist kein Wunder, zumal eine sich
konstruktivistisch verstehende systemische Therapie auf universellen
Geltungsanspruch verzichtet und so die Entstehung einer
"postmodernen" Pluralität von Erklärungsansätzen und
Handlungsentwürfen fördert.
Die
Aufbauphase der 80er Jahre weicht in letzter Zeit einer Phase der
Konsolidierung, und diese bringt Dissens und Differenzierung in den eigenen
Reihen mit sich. So lassen sich mittlerweile verschiedene Ausrichtungen
systemischer Therapie ausmachen, die sich u.a. als Umsetzung des sog. sozialen
Konstruktionismus, der Diskursanalyse und narrativer Ansätze verstehen. Noch
reicht aber das Dach der systemischen Therapie aus, um diese Orientierungen
problemlos unter sich zu beherbergen. Anders verhält es sich aber mit
gewissen Strömungen, die eine Neuauflage objektivistischer, guruhafter
Einstellungen beinhalten und von sich aus beanspruchen, systemische Therapie
zu sein. Dennoch können gerade solche Entwicklungen, welche die Außenwirkung
der systemischen Therapie auf die Probe stellen - so ärgerlich sie auch
sind -, auch nützlich sein, denn sie können indirekt als Maß für die
Kohärenz und Beständigkeit des systemischen Ansatzes dienen.
Einen
Überblick über den aktuellen Stand der systemischen Praxis bietet das 1996
erschienene "Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung" von
Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer.
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Ausbildung. Die Ausbildung in systemischer Therapie wird von privaten,
notwendigerweise am Markt orientierten Instituten getragen. Die Zahl der
Absolventen von Weiterbildungen in systemischer und/oder Familientherapie
wurde bei einer Umfrage im Jahr 1997 auf ca. 11.000 beziffert. Legt man den
Maßstab etwas enger an, und zählt man nur diejenigen Absolventen dazu, die
eine bei den Dachorganisationen zertifizierungsfähige Weiterbildung beendet
haben, verringert sich diese Zahl auf - immerhin - 5.700. Von diesen
systemischen Therapeutinnen und Therapeuten sind ca. 2.600 Ärzte und
Psychologen, die anderen gehören anderen Berufen der psychosozialen
Versorgung an. Die Dachverbände für Familientherapie und systemische
Therapie haben in letzter Zeit Weiterbildungsrichtlinien erarbeitet, die
internationalen Standards entsprechen.
Dachverbände.
Die Familien- und systemischen Therapeutinnen und Therapeuten sind in
Deutschland in drei Dachverbänden organisiert. Es handelt sich um die 1978
gegründete Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Familientherapie (DAF), den 1989
gegründeten Dachverband für Familientherapie und Systemisches Arbeiten (DFS)
und die 1993 gegründete Systemische Gesellschaft (SG). Diese Verbände
entstanden zu verschiedenen Entwicklungsphasen mit jeweils unterschiedlichen
Zielsetzungen.
- Die DAF versteht sich als schulenbergreifende Dachorganisation für alle
Familientherapeuten; sie richtet jährlich eine Fachtagung aus und gibt die
Zeitschrift "Kontext" heraus.
- Der
DFS verfolgt im wesentlichen berufsständische Interessen und hat - vor
allem durch den Einsatz seiner berufspolitischen Referentin, Anni Michelmann -
maßgeblichen Anteil an der Vorbereitung und Entstehung des 1998
verabschiedeten Psychotherapeutengesetzes.
Mittlerweile,
das heißt, seit dem Jahr 2000 sind diese beiden Verbände zu einem neuen -
Deutsche Gesellschaft für systemische Therapie und Familientherapie
DGSF - fusioniert.
-
Die Systemische Gesellschaft (SG) entstand 1993 mit dem Ziel, den systemisch
ausgerichteten Instituten eine gemeinsame Plattform zu schaffen. Ihre
Mitgliedschaft hat sich daher bislang auf Institute bzw. andere juristische
Personen beschränkt; sie soll jedoch in absehbarer Zeit auf natürliche
Personen, sprich: auf zertifizierte Absolventen der eigenen Institute,
erweitert werden.
Beide
nationalen Verbände, die DGSF und die SG arbeiten zusammen in der
Arbeitsgemeinschaft für systemische Therapie AGST. Die AGST vertritt die
Interessen der systemischen und Familientherapeuten im In- und Ausland. Sie
ist Mitglied der European Family Therapy Association EFTA
und vertritt dort deutsche Interessen.
Zum Schluss
Zusammenfassend
lässt sich feststellen, dass die systemischen Therapieansätze bei allem
Unterschied im Detail in der klinischen Theorie über ein Bündel miteinander
kohärent verknüpfter Sätze und in der Praxis über ein vertretbares
technisches Instrumentarium verfügen. Bei Angehörigen helfender Berufe hat
die systemische Therapie ein beträchtliches Ansehen erlangt. Das zeigt die
steigende Zahl von Teilnehmerinnen und Teilnehmern an Tagungen und
Weiterbildungskursen. Erweitert man aber seinen Betrachtungsfokus und
blickt man auf die Wissenschaftlergemeinde und die politischen Instanzen, ist
das Bild etwas diffuser. Denn die systemische Therapie hat sich weitgehend
abseits vom mainstream entwickelt und sie ist entweder wenig bekannt
oder sie wird verkannt. Es steht also an, Anschluss daran zu finden, aber auf
eine Weise, die der systemischen Therapie ermöglicht, ihre Identität zu
behalten. Die systemische Therapie sollte ihren Prinzipien treu
bleiben, zugleich aber offen sein für Anregungen. Nur so kann sie
weiterhin in der Lage bleiben, zur Fortentwicklung der Psychotherapie
beizutragen.
Die
Gründerzeit dürfte weitgehend abgeschlossen sein, und nun ist es an der
Zeit, die Auseinandersetzung mit gesundheitspolitischen Instanzen und den
offenen Diskurs mit Vertretern anderer Therapieansätze zu suchen und
dabei die eigenen Positionen offensiv vorzutragen. Nur so lässt sich
die Aufgabe sinnvoll weiterführen, die sich uns am Vorabend der
Jahrtausendwende stellt, nämlich die Psychotherapie weiterhin an das
Selbstverständnis zeitgenössischer Wissenschaft anzukoppeln, nämlich an die
Wissenschaften von Komplexität, Vernetzung und Selbstorganisation, also an
die modernen Systemwissenschaften.
In
diesem Sinne bleibt es mir schließlich nur zu wünschen, dass solche
Arbeitsgruppen und Gemeinschaften wie das Berliner Institut für
Familientherapie sich ihren Elan und ihre Flexibilität erhalten, um so
weiterhin zur Entwicklung und Verbreitung moderner und effektiver
Psychotherapie, Beratung und Supervision beizutragen.
Ý
Literatur
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