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Grundlagen
der Systemischen Therapie
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Dr.
Kurt Ludewig 1. Lebewesen sind
autopoietisch organisierte Systeme und somit strukturdeterminiert, operational
geschlossen, zweck- und zeitlos sowie autonom. Daher stellt das Erkennen keine
Abbildung der Außenwelt dar, sondern das Ergebnis des inneren Operierens des
Lebewesens. Es bringt im Verlauf seines Lebens (Operierens) Kohärenzen hervor,
d.h. sich und die Objekte seiner Umwelt, und zwar so lange, wie diese Kohärenzen
mit der Erhaltung seiner Autopoiese vereinbar sind.
2.
Menschen sind zudem "linguierende" Lebewesen: Sie koordinieren ihr Verhalten
mit anderen Menschen mit Hilfe anderer Verhaltenskoordinationen (z.B. Gesten,
Lauten), bringen dabei ihre individuellen Welten-in-Sprache hervor und
validieren diese im Konversieren mit anderen Menschen, schaffen also beschriebene
Gemeinsamkeit (= Sinn) bzw. konsensuelle Bereiche.
3.
Als operational geschlossene Wesen sind Menschen für einander grundsätzlich
intransparent und unberechenbar. Dies stellt das Grundproblem menschlicher
(Ko) Existenz dar. Diese Ungewissheit (= Problem doppelter Kontingenz)
wirkt sich aber förderlich aus: Der Versuch, sie zu beheben, fördert
Kreativität, Anpassung und Veränderung, setzt aber Empathie und
Vertrauen sowie die respektvolle Akzeptanz des Selbst und des anderen voraus.
Der Versuch, Ungewissheit und Zufall auf Dauer auszuschließen, "trivialisiert"
(= ritualisiert) Beziehungen. 4.
Das Mitteilen subjektiver Erfahrungen (bzw. der eigenen Komplexität)
sowie das Verstehen des anderen kann niemals vollständig sein. Kommunikation
ist auf Beobachtung angewiesen und läuft ständig Gefahr, Probleme
zu schaffen. "Lebensprobleme" entstehen infolge negativ aufgefasster Erwartungen
("ändere dich!"), die leidvoll erlebt werden. Beim Versuch, das Leiden
in Grenzen zu halten bzw. weiteres Leiden zu vermeiden, können sich
Problemsysteme stabilisieren, d.h. ritualisierte Kommunikationen im Umkreis
eines Lebensproblems. Anstelle
eines für Zufall und Veränderung offenen Dialogs werden Monologe
monoton aneinander angereiht (=
System ohne Problem der doppelten Kontingenz).
5.
Problemsysteme sind soziale Systeme und als solche nicht lösbar, sondern
allenfalls auflösbar. Problemsysteme lösen sich dann auf, wenn
die Menschen, die sie tragen, also Mitglieder im Problemsystem "verkörpern",
andere Kommunikationen bevorzugen oder die notwendigen Beiträge nicht
mehr entrichten. 6.
Psychosoziales Helfen geschieht als Kommunikation. Therapie z.B. vollzieht
sich im Sozialsystem Therapie. Dabei werden die Personen, welche die Mitglieder
eines Problemsystems verkörpern, als Mitglieder des Therapiesystems
zu einem "Wechsel der Präferenzen" angeregt. Dies kann geschehen durch
Anregung zur Bildung neuer Mitgliedschaften oder durch Aktivierung bereits
vorhandener. 7.
Therapie ist zielgerichtet und somit ein Dialog besonderer Art, in dem der
Therapeuten durch Ermächtigung handelt. Bei der Wahl dazu geeigneter
Handlungsweisen dient die Verwirklichung einer Grundhaltung (vgl. 10 + 1
Leitsätze). 8.
Durch Bestätigung und Öffnung trägt der Therapeut dazu bei,
ein für Veränderung (= Ausprobieren von Neuem, Zulassen von Unerwartetem
und Zufall) günstiges Milieu zu schaffen. Die Kunst therapeutischer
Arbeit erweist sich am Herstellen eines je besonderen, günstigen Verhältnisses
von Anerkennung und Anregung der Kunden. 9.
Therapeutisches Arbeiten (Techniken) geht von Vorhandenem aus und weist
auf andere Möglichkeiten hin. Der Therapeut fördert dies durch
Fragen, Reflektieren und Empfehlen. 10.
Eine Therapie ist erfolgreich, wenn sie aus Sicht der Kunden zu einem zufrieden
stellenden Ergebnis führt. Der Therapeut war erfolgreich, wenn er bezüglich des
Ziels (= Auftrags) nützlich gehandelt und die ihn anleitenden Kriterien beachtet
hat; hier: Respekt vor seinen Kunden durch Wahl und Entwurf seiner
Interventionen nach dem Gestaltungsprinzip der Schönheit. Ý |